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Autor Thema: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)  (Gelesen 2961 mal)

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Lionel

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http://www.amazon.de/Naokos-L%C3%A4cheln-Nur-eine-Liebesgeschichte/dp/3442735467/ref=pd_bbs_sr_1?ie=UTF8&s=books&qid=1200324254&sr=8-1




Über den Staffellauf, der Leben heißt
Haruki Murakamis Liebesroman Naokos Lächeln ist ein schöner Kinoabend.
In den Büchern von Haruki Murakami geht es zu wie in den Filmen von Eric Rohmer. Schöne Menschen plaudern in angenehmer Umgebung ununterbrochen über Leben, Sex, Liebe und Tod und haben dabei keine Mühe, die richtigen Worte zu finden. Dabei halten sie sich alle für etwas ganz Besonderes.

Nur der Protagonist Watanabe glaubt, er sei ein Durchschnittsmensch mit Durchschnittsintellekt und Durchschnittskörper und merkt gar nicht, welche abstrusen Charaktere er um sich versammelt. Zum Beispiel Nagasawa, eine Art japanischer Casanova, der Nacht für Nacht losziehen muss, um Mädchen aufzureißen, während die schönste Frau zu Hause auf ihn wartet. Oder seine Kommilitonin Midori, die beide Eltern bis zum Krebstod pflegte und die sich nun nackt vor das Foto ihres Vaters setzt, um ihm zu zeigen, dass sie inzwischen eine Frau geworden ist. Midori würde sich nichts lieber wünschen, als dass Watanabe beim Onanieren an sie denke.

Die schöne Naoko dagegen hat andere Probleme. Freiwillig eingeschlossen in eine Nervenklinik versucht sie, den frühen Tod ihres Freundes Kizuki loszuwerden. Beide sind zusammen aufgewachsen und haben alles gemeinsam gelebt. Es war nie eine Frage gewesen, mit einem anderen Menschen zu leben. Doch plötzlich hatte sich Kizuki umgebracht, und sie war übrig geblieben. Wie einen Staffelstab gibt sie ihr Schicksal an Watanabe weiter, der Naoko liebt und den sie dennoch auf dieselbe Art verlassen wird, wie sie es einst wurde.

Der Leser merkt bei allem sehr schnell, dass zwischen der Entscheidung, beim Onanieren an jemanden zu denken und miteinander das Leben zu verbringen, kein großer Unterschied besteht. Dass es immer nur darum geht, dass man sich in der Welt versichert und jemanden findet, der einem die eigene Existenz abnimmt.

Haruki Murakami, der in Japan Millionenauflagen verkauft, schreibt darüber ein leichtes und gleichzeitig trauriges Buch, todernst und mit einem guten Schuss klugen Kitsches. Aber das hätte man eigentlich nicht anders erwartet. --Jana Hensel
(amazon-Redaktion)





Japan Ende der 60er Jahre. Das Land ist im Aufruhr, an den Universitäten gibt es überall Streiks und Demonstrationen. Der Vietnamkrieg tobt und in den USA findet Woodstock seinen Platz in der Geschichte. Doch all dies interessiert den 19-jährigen Watanabe nicht. Er ist viel zu sehr mit seinem eigenen Leben beschäftigt, mit seinen eigenen Problemen. Vor zwei Jahren hat sich sein bester und einziger Freund, Kizuki, umgebracht. Niemand verstand, warum, am wenigsten Watanabe selbst. Zurück bleibt Kizukis Freundin Naoko, ein stilles, aber hübsches Mädchen. Mit beiden hat Watanabe in der Vergangenheit viel Zeit verbracht, doch hat er sich nie wirklich näher mit Naoko befasst. Zwei Jahre später trifft er sie zufällig in Tokio wieder. Sie fangen an sich zu treffen, doch Naoko ist ein Mensch mit vielen Problemen. Nicht nur ihr Freund hat sich umgebracht, auch ihre Schwester hat sich einige Jahre zuvor erhängt - und Naoko hat dies nie wirklich verkraftet. Schon bald sieht sie sich gezwungen, das Studium abzubrechen und Hilfe in einer Klinik zu suchen...hat Watanabes und Naokos Liebe überhaupt eine Chance? Diese Frage stellt sich vor allen Dingen, als er die lebenslustige Midori kennen lernt, in die er sich ebenfalls verliebt...

Was jetzt mal nur als sehr grobe Inhaltsangabe gedacht ist, mag unspektakulär klingen, ist es aber keineswegs. Der Grund ist Haruki Murakami. Dieser Autor ist ein Zauberer, jedes Wort ist pure Magie, man fühlt sich als Leser in dieser wunderbare Coming of Age-Liebes - Geschichte förmlich aufgesogen und lechzt nach mehr. Nach mehr Metaphern, nach mehr Erfahrungsberichten seiner Protagonisten über das Leben, nach mehr Witz, nach mehr Gefühl. "Naokos Lächeln" kommt im Gegensatz zu "Kafka am Strand" ohne jegliche surrealen Elemente aus, alleine das Leben und die Liebe schreiben diese Geschichte. Eine Geschichte, in der Protagonisten um jeden Atemzug ringen, deren Schicksal jedoch schon von vornherein fest steht.

Die Geschichte beginnt Mitte der 80er Jahre, mit einem mittlerweile 37-jährigen Watanabe, der beschließt, über seine einstmalige große Liebe Naoko ein Buch zu schreiben, da seine Erinnerung an sie langsam aber sicher dahinschwindet.



Mit der Erinnerung ist es eine seltsame Sache. Als ich tatsächlich mit beiden Füßen in dieser Landschaft stand, hatte ich ihr kaum Beachtung geschenkt. Nie hätte ich gedacht, dass sie einen solchen Eindruck hinterlassen würde, und schon gar nicht, dass ich mich nach achtzehn Jahren noch bis in jede Einzelheit an sie erinnern würde. Ehrlich gesagt, mir war die Landschaft an jenem Tag völlig egal. Ich dachte an mich, an das schöne Mädchen an meiner Seite, ich dachte an uns beide und an mich selbst. In jenem Alter kehrte alles, was ich sah, was ich fühlte, was ich dachte, am Ende wie ein Bumerang stets zu meiner Person zurück. Noch dazu war ich verliebt. Und diese Liebe hatte mich in eine entsetzlich komplizierte Lage gebracht[...]Sicher, wenn ich eine Weile nachdenke, fällt mir wieder ein, wie sie aussah. Sie hatte kleine kalte Hände, schönes Haar, das sich völlig glatt anfühlte, und unter dem einen ihrer weichen, runden Ohrläppchen ein winziges Muttermal. Ich erinnere mich an den eleganten Kamelhaarmantel, den sie im Winter trug, an ihre Art, einem in die Augen zu sehen, wenn sie eine Frage stellte, an das leichte Beben, das hin und wieder in ihrer Stimme lag (als spräche sie auf einer stürmischen Bergspitze) - wenn ich diese Bilder nach und nach zusammenfüge, tauchen auch ihre Gesichtszüge wieder vor mir auf. [...] Allerdings dauert es immer eine Weile, bis Naokos Gesicht aus den Tiefen meiners Gedächtnisses auftaucht. Von Jahr zu Jahr hat es immer ein bisschen länger gedauert. Traurig, aber wahr. Zuerst brauchte ich fünf Sekunden, dann zehn, dann dreißig, bis eine Minute daraus geworden war. Ähnlich wie Schatten in der Dämmerung allmählich immer länger werden, bis die Dunkelheit sie ganz verschluckt, entfernte sich mein Gedächtnis tatsächlich immer weiter von Naoko, ebenso wie es sich immer weiter von meinem damaligen Ich zu entfernen schien.[...] Deswegen beschloss ich, ein Buch zu schreiben, dieses Buch. Um aufzuwachen und zu begreifen, denn ich bin nun einmal jemand, der die Dinge aufschreiben muss, um sie zu begreifen.



Die Handlung wird aus Sicht der Hauptperson Watanabe in der Ich-Form geschildert. Watanabe ist ein stiller, gleichgültiger, aber keinesfalls dummer Junge, der nach sich selbst sucht und durch die harte Schule des Lebens geht. Er sieht sich als absolut durchschnittlichen Typen, ohne besondere Talente. Es gibt eine Szene, in der er sich selbst beschreibt, und dabei sagt, er sähe durchschnittlich aus, käme aus einer durchschnittlichen Familie, habe keine besonderen Fähigkeiten usw. Nach dem Schulabschluss und dem Tod seines Freundes Kizuki, beschließt er Theaterschaften zu studieren. Nicht, weil dies sein Traum war. Nein, er hatte eben gerade Lust darauf, und wusste, dass die Aufnahmeprüfung nicht besonders schwierig war. So lebt Watanabe sein Leben, von Tag zu Tag, ohne besondere Ambitionen. Nicht weil er faul wäre. Sondern weil er nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er geht an eine private Uni und landet dort in einem ultrarechten Wohnheim, wo jeden Morgen pünktlich um 6 die japanische Flagge gehisst wird und die Nationalhymne ertönt. Er hat keine andere Wahl, aufgrund seiner finanziellen Situation. Drei mal die Woche jobbt er in einem Plattenladen, ein Job, der im nicht im Geringsten Spaß macht. Sein Mitbewohner bekommt schon bald den Spitznamen "Sturmbannführer", da er immer sehr ordentlich und spießig erscheint und den anderen etwas sonderbar vorkommt. Zudem trägt sein Sprachfehler - er stottert - im Verlauf der Geschichte zu heiteren Erläuterungen seitens Watanabe bei, er erzählt diese Geschichten immer, wenn ihm gerade sonst nichts einfällt und findet jedesmal ein dankbares Publikum.

Die Figuren in Murakamis Geschichten sind (jedenfalls in "Kafka am Strand" und diesem Werk hier) stets desillusionierte Jugendliche, auf der Suche nach sich selbst, auf der Flucht vor dem Leben und der harten Realität. Wie der Protagonist in "Kafka am Strand" liest auch Watanabe sehr gerne, eines seiner wenigen Hobbies. Sein Lieblingsautor ist Scott Fitzgerald, sein Lieblingsbuch "The Great Gatsby". Und auch Musik spielt eine wichtige Rolle in Murakamis Büchern, vorwiegend klassische, aber auch anderweitige Musik. So sind es hier Brahms, Mozart und die Beatles, die häufiger Erwähnung finden. Als Watanabe den von sich selbst überzeugten Nagasawa kennen lernt und sich mit ihm anfreundet, verändert sich sein bis dahin ruhiges Leben. Er hatte bisher nur mit einem einzigen Mädchen geschlafen, doch Nagasawa nimmt ihn mit auf Sauf- und Baggertouren und verschafft Watanabe schnellen Sex mit Mädchen, die er in der Folge nie wieder sieht. Watanabe gefällt dieser Lebensstil nicht wirklich, insgeheim ekelt er sich sogar davor, doch seine mittlerweile alles einnehmende Liebe zu Naoko, der er sich nicht nähern kann, da ihr geistiger Zustand rapide abnimmt, weckt seine Gier nach Zweisamkeit, er verzehrt sich geradezu nach Zuneigung und körperlichem Kontakt, aus ständiger Angst, eines Tages allein zu sein.
Nagasawa ist so eine Art "Supermann". Er sieht gut aus, kommt aus gutem Hause, ist reich, eloquent, hat Einfluss - und hält alle Leute um sich herum für Hampelmänner. Aufgrunddessen entwickelt sich die ungleiche Freundschaft zwischen ihm und Watanabe, da dieser wenigstens kein Ja-Sager und Arschkriecher ist, und ihm egal ist, was Nagasawa denkt. Zudem teilen die beiden den gleichen Büchergeschmack, auch Nagasawa liebt Fitzgerald und "The Great Gatsby". Man solle niemals Literatur lesen, die jünger als 30 Jahre alt ist, sagt er zu Beginn zu Watanabe. Diese könne man unter keinen Umständen ernst nehmen, auch Literatur müsse erstmal über die Jahre reifen, bevor sie den Stellenwert einnehmen kann, der ihr zusteht. Nagasawa ist mit der freundlichen Hatsumi liiert, die über das wilde Treiben ihres Freundes Bescheid weiß, ihn aber dennoch nicht verlässt, weil sie ihn über alles liebt. In einem Dialog zwischen Nagasawa und Watanabe, bemerkt ersterer, dass er einen Menschen wie Hatsumi gar nicht verdient habe und er ihr selbst regelmäßig sage, sie solle ihn verlassen. Nagasawa ist ein Mensch, der die Analyse über alles andere stellt, Gefühle sind ihm egal, die Menschen um ihn herum sind ihm gleichgültig, für ihn ist das ganze Leben ein Spiel. Auch das Verführen der Mädchen ist ihm nicht wichtig, es geht ihm dabei ums Prinzip, nicht um den Sex.
Als alle drei zusammen essen gehen, macht er seine Lebenseinstellung deutlich:



"Watanabe und ich, wir sind gar nicht so verschieden", entgegnete Nagasawa. "Beide gehören wir zu den Menschen, die sich im Grunde nur für sich selbst interessieren. Na gut, der eine ist arrogant und der andere nicht, aber beide interessieren wir uns ausschließlich für unsere eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen. Deswegen können wir die Welt auch ganz unabhängig von allen anderen betrachten. Das mag ich an ihm. Leider hat er es bisher selbst bis jetzt noch nicht begriffen, darum ist er noch zaghaft und leidet."[...]
"Also mache ich einen Fehler, wenn ich mir wünsche, von jemandem - zum Beispiel von dir - verstanden zu werden?"
"Nicht gerade einen Fehler", antwortete Nagasawa. "Durchschnittliche Menschen würden dein Bedürfnis, mich zu verstehen und von mir verstanden zu werden, Liebe nennen. Mein Lebenssystem unterscheidet sich aber sehr klar von dem eines Durchschnittsmenschen."




Die Liebe zwischen Naoko und Watanabe entwickelt sich langsam und behutsam. Sie treffen sich zufällig, spazieren durch Tokio, aber ohne ein einziges Wort miteinander zu reden. Nachdem sie beschließen sich regelmäßig zu treffen, hat das Leben für Watanabe endlich wieder einen Sinn. Er freut sich auf jeden Sonntagnachittag. So geschieht es auch eines Tages, dass beide - zu diesem Zeitpunkt etwas unerwartet - miteinander schlafen. Doch die Krankheit, der Naoko seit dem Tod ihres Freundes und ihrer Schwester anheimgefallen ist, lässt nicht lange auf sich warten. Sie geht in eine Klinik und ist so von Watanabe getrennt, der sich erstmal an das Leben ohne sie gewöhnen muss. In der Klinik lernt Naoko die Enddreißigerin Reiko kennen, die ebenfalls psychische Probleme hat und mit dem Leben bereits abgeschlossen hat. In einer herzzereißenden Erzählung schildert sie, als Watanabe eines Tages zu Besuch kommt, und beide nachts im Wald auf einer Bank sitzen, ihre Lebensgeschichte: Einst war sie eine äußerst begabte Pianistin, doch eine Nervenkrankheit hat ihr ihren Lebensinhalt geraubt. Durch Heirat und Geburt ihres Kindes schöpfte sie neuen Lebenswillen und erfuhr ein Glück, dass leider nicht von Dauer sein sollte. Eine Klavierschülerin bezichtigte sie des sexuellen Missbrauchs, woraufhin Reiko einen weiteren Nervenzusammenbruch erlitt - von dem sie sich nicht mehr erholte. Sie reichte die Scheidung ein und verbringt ihr Leben nun bereits seit 8 Jahren in der abgeschiedenen Klinik, ein Ort fern der Realität, aber ein Ort, wo die Welt noch in Ordnung ist. Reiko wird in der Zukunft als Mittelsperson zwischen Watanabe und Naoko fungieren, und dem ratlosen Watanabe stets mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Watanabes Welt wird völlig auf den Kopf gestellt, als er die hübsche, lebensfrohe Midori kennen lernt. Midori ist ein junges Mädchen, das bereits in ihrem zarten Alter von der harten Mühle des Lebens gezeichnet ist. Ihre Mutter ist an einem Gehirntumor gestorben und auch ihr Vater ist todkrank. Sie fährt jede Woche ins Krankenhaus, um ihn zu pflegen. Während sich zischen Midori und Watanabe anfangs lediglich eine enge Freundschaft entwickelt, hat man als Leser jedoch bereits früh den Eindruck, dass sich eine Romanze entwickeln könnte. Midori hat einen Freund, und Watanabe ist an Naoko gebunden, wie er nicht müde wird zu betonen. Auch wenn er mit anderen Frauen schläft, lieben tut er nur Naoko. Er ist innerlich leer, ein seelische Wrack, das Liebe und Sex problemlos trennen kann. Er sehnt sich zwar nach Liebe, ist jedoch nicht bereit auf Sex mit anderen Mädchen zu verzichten, da er ohne körperliche Nähe verrückt wird. Nach und nach intensiviert sich das Verhältnis zwischen Midori und Watanabe.
Midori ist eine herrlich beschriebene Figur, stets redet sie über Sex, hört nicht auf Watanabe unangenehme Fragen zu stellen. So bittet sie ihn inständig beim nächsten Onanieren an sie zu denken und ihr mitzuteilen, was er mit ihr gemacht habe und wie es sich anfühlte. Sie schleppt Watanabe in ein Pornokino, weil sie so auf S/M - Filme steht. Und sie malt sich in ausschweifenden Beschreibungen aus, wie groß Watanabes Penis wohl sei. Doch dies ist alles nur ihre Art, sich nach außen zu geben, ein wenig durchgeknallt eben. Tatsächlich ist sie ein sehr warmherziger Mensch, der sich ebenso nach Liebe, Glück und Zufriedenheit sehnt, wie jeder andere.

Eine sehr lustige und ergreifende Stelle, als Midori Watanabe ihre Liebe gesteht, würde ich gern zitieren:



"Deshalb war ich so sauer. Ich hätte dir am liebsten hundertmal eine reingehauen. Wir hatten uns ewig nicht gesehen, und du warst in Gedanken so mit diesem anderen Mädchen beschäftigt, dass du mich nicht mal angeguckt hast. Und da sollte ich nicht sauer werden? Außerdem hatte ich schon länger das Gefühl, dass ich mich eine Weile von dir fernhalten sollte, um mir über einiges klar zu werden."
"Einiges was?"
"Unsere Beziehung. Ich war inzwischen lieber mit dir zusammen als mit meinem Freund. Das ist doch ein unnatürlicher Zustand, findest du nicht? Natürlich habe ich ihn gern, auch wenn er ein bisschen engstirnig und faschistoid ist, hat er ein paar gute Eigenschaften. Außerdem ist er der erste, mit dem ich was Ernsthaftes hatte. Aber du bist etwas Besonderes für mich. Wenn wir zusammen sind, stimmt für mich alles. Ich habe Vertrauen zu dir, ich mag dich, ich möchte dich nicht verlieren. Damals war ich total verwirrt. Also bin ich zu ihm gegangen und habe ihn ganz offen um Rat gebeten. Wenn ich mich weiter mit dir treffen wolle, müsse ich mit ihm Schluss machen, hat er gesagt."
"Und?"
"Ich habe mit ihm Schluss gemacht, und mir ist ein Stein vom Herzen gefallen." Sie steckte sich eine Marlboro in den Mund und zündete sie hinter schützend vorgehaltener Hand an.
"Warum?"
"Warum?!" schrie sie. "Spinnst du? Du kapierst den englischen Konjunktiv und Trigonometrie und liest Marx und verstehst nicht einmal das? Wo ist da überhaupt die Frage? Warum muss ein Mädchen dir sowas beantworten? Ich hab dich lieber als ihn. Basta. Natürlich hätte ich es vorgezogen, mich in einen etwas besser aussehenden Jungen zu verlieben, aber was solls. Ich habe mich eben in dich verliebt!"
Ich wollte etwas sagen, doch das Wort blieb mir im Halse stecken.




Als Naoko sich auf dem Weg der Besserung befindet, passiert jedoch das Unfassbare.
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Watanabe, der sich gerade für Midori entschieden hatte, ist am Ende. Verzweifelt und auf der Suche nach einer Antwort, macht er sich auf eine einmonatige Reise durch Japan. Um Antworten zu bekommen, um sich selbst zu finden. Am Ende ertönt "Norwegian Woods" von den Beatles über der ganzen Szenerie- der Song, der das ganze Buch über immer wieder auftaucht, Naokos Lieblingssong.

Dieses Buch ist wirklich unglaublich. Es ist mir solch einer Kraft geschrieben, solch einer Energie, man mag gar nicht glauben, dass es sich um Fiktion handelt. Ich konnte mich unheimlich gut in die Gefühlswelt des Protagonisten hineinversetzen. Er sitzt allein in der Uni und hat kein Interesse an den anderen Leuten, weil er weiß, dass sie ohnehin nicht zu ihm passen. Er beschließt, dass sein Studium keinen Sinn mache, geht aber trotzdem weiter hin, weil das Leben dort draußen - jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt - für ihn ebenfalls keinen Sinn macht. Er lebt in den Tag hinein und fragt sich, was da noch kommen mag. Das Dilemma sich zwischen zwei Frauen entscheiden zu müssen, kennt das nicht jeder? Hat das nicht jeder von uns schon mal durchgemacht? Diese geistige Verwirrung gespürt? Sich gefragt, was die Zukunft bringt, und ob alles gut werden wird? Auch die Reise, auf die er sich nach
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begibt - dieses Gefühl, einfach raus, RAUS zu müssen, um nachzudenken -, können wir ihm das nicht alle nachfühlen? Gibt es überhaupt eine richtige Entscheidung?
Und genau diese Dinge machen ein Murakami-Buch so einzigartig. Realistische Beschreibungen des Lebens, der Liebe, des Schicksals. Gepaart mit einem zauberhaften Schreibstil. Und im Falle von "Naokos Lächeln" auch mit sich nicht zurücknehmenden sexuellen Beschreibungen, das ganze Buch hat eine sehr erotische Atmosphäre.

Marco, Andi, Gunther - wagt euch endlich mal ran, gebt dem Mann eine Chance! Er hat es verdient - wirklich. Ich bin mir sicher, dass zumindest euch dreien, vielleicht auch dem Alex, der Stil unheimlich gut gefallen wird. Wir haben hier quasi "Once upon a Time in Highschool" in Buchform - erzählt im Kitano-Stile (wobei ich besonders an die melancholische Sahneschnitte "Dolls" denke). Seit Ray Bradbury hat mich kein Autor mehr so tief und nachhaltig beeindruckt. Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Murakami.



Zum Abschluss, ein paar Kritiken auf dem Backcover:



"In Murakamis Büchern kann man sich wie in wunderschönen Träumen verlieren." Der Spiegel


"Haruki Murakami gelingt es, die Qualitäten von Stephen King, Franz Kafka und Thomas Pynchon unter einen Hut zu bringen. Er gehört zu den ganz großen Erzählern der Gegenwart." Der Tagesspiegel


"Der kühnste und bedeutendste Autor Japans." New York Times


"Wetten, dass Sie hier einen zukünftigen Nobelpreisträger kennen lernen?" Village Voice


Ein hocherotischer, sich steigernder Roman von ungewöhnlicher Zartheit und großer Intensität. Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren nicht mehr gelesen." Marcel Reich-Ranicki zu Murakamis Roman "Gefährliche Geliebte"



Offline Bloodsurfer

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #1 am: 14. Januar 2008, 18:45:05 »
Verdammt, das Ding muss ich mir ja quasi sofort bestellen... Ich hab doch keine Kohle mehr :bawling:

Lionel

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #2 am: 14. Januar 2008, 18:56:22 »
Verdammt, das Ding muss ich mir ja quasi sofort bestellen... Ich hab doch keine Kohle mehr :bawling:
Dann klau es - aber her muss es ;)

Offline Thomas Covenant

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #3 am: 14. Januar 2008, 21:50:18 »
Danke für das geniale Review, werde das Buch ordern....muss ja super sein  ;)

Offline Havoc

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #4 am: 15. Januar 2008, 08:45:44 »
Deine Beschreibungen klingen recht interessant, bin mir aber noch nicht wirklich sicher ob mir diese Art von Buch gefällt.
Interesse hast du auf jeden Fall bei mir geweckt.

Ich behalte es mal im Hinterkopf. Möglicherweise stolpere ich ja drüber wenn ich
wieder durch die nächste Buchhandlung stöbere.

Gruß,
Havoc.

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Lionel

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #5 am: 15. Januar 2008, 16:52:58 »
Nun, ich denke schlecht wird das kaum einer finden ;) Wer auf Coming of Age, Geschichten über das Leben und Lovestories steht, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Man braucht ja nur mal bei amazon bei den Bewertungen zu schauen, die Leute überschlagen sich geradezu. Aber klar, ist immer Geschmackssache.

Offline Havoc

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #6 am: 23. Januar 2008, 08:58:12 »
Habe mir mal die Rezensionen zu ein paar weiteren Werken von Haruki Murakami durchgelesen.
Der gute Mann scheint ja einen sehr eigenen Stil zu pflegen, der nicht unbedingt massentauglich ist.
Überrascht hat mich die Vielfalt seiner Werke, die ja keinesfalls einem bestimmten Genre zugeordnet werden können.

Ich glaube ich muss da auch mal bei einem Buch zuschlagen.
Spätestens das "Laufbuch", das im Februar erscheint werde ich mir zulegen.

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Lionel

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #7 am: 23. Januar 2008, 14:30:14 »
Weiß nicht, warum jeder so zögerlich ist und meint es wär nix für ihn...einfach mal ein Büchlein kaufen, lesen, urteilen. Wenns nix ist, is ja nicht viel passiert.. ;)

Offline Havoc

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #8 am: 25. Januar 2008, 16:01:26 »
Der gute Autor lässt mich nicht in Ruhe........

Ich werde demnächst mal ein Buch von ihm mitbestellen. Außerhalb des Laufbuchs, das bestell ich sowieso.

Ich schwanke noch zwischen:
Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt
Mr. Aufziehvogel
Kafka am Strand

Mal schauen....

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Lionel

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #9 am: 25. Januar 2008, 16:20:36 »
Der gute Autor lässt mich nicht in Ruhe........

Ich werde demnächst mal ein Buch von ihm mitbestellen. Außerhalb des Laufbuchs, das bestell ich sowieso.

Ich schwanke noch zwischen:
Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt
Mr. Aufziehvogel
Kafka am Strand

Mal schauen....


Also ich kenn ansonsten nur noch "Kafka am Strand", was halt surreale Elemente miteinbaut, kannst dir ja mal mein Review durchlesen, fand das auch bombig! "Mr. Aufziehvogel" order ich als nächstes und "Hard Boiled..." klingt auch interessant.

Lionel

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Re: Review: NAOKOS LÄCHELN - NUR EINE LIEBESGESCHICHTE (Haruki Murakami)
« Antwort #10 am: 25. Januar 2008, 16:30:56 »
Hier mein "Kafka am Strand" Review:

http://beyondhollywood.de/forum/index.php?topic=9584.0

Offline Lionel

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Der gute Autor lässt mich nicht in Ruhe........

Ich werde demnächst mal ein Buch von ihm mitbestellen. Außerhalb des Laufbuchs, das bestell ich sowieso.

Ich schwanke noch zwischen:
Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt
Mr. Aufziehvogel
Kafka am Strand

Mal schauen....

Ist es denn neben dem Laufbuch mittlerweile noch eine zweites geworden? :)


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