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Autor Thema: Review: Blue Spring  (Gelesen 1169 mal)

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Offline nemesis

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Review: Blue Spring
« am: 16. Dezember 2011, 20:41:11 »


http://www.ofdb.de/film/37037,Blue-Spring


Bereits der Beginn des Films gibt die Richtung vor, die uns in den nächsten 80 Minuten fesseln, beeindrucken und nachdenklich stimmen wird.
Ein Lehrer ist auf der Flucht vor seinen Schülern, rettet sich in ein Taxi, während eine Meute tollwütiger, nach Blut geifernder Schüler ihn verfolgt und aufs Übelste beschimpft. An dieser Schule regieren nicht die Lehrer, die man ohnehin so gut wie gar nicht zu Gesicht bekommt, sondern die Schüler.
Boss der regierenden Gang ist Kujo, seine rechte Hand sein bester Freund Aoki. Gangleader wird immer derjenige, der das traditionelle "Spiel" für sich entscheidet. Auf dem Dach der Schule klettern die Wettbewerber über die Brüstung, klammern sich am Gitter fest und "spielen". Gewinner ist derjenige, der öfter in die Hände klatschen und sich daraufhin wieder festklammern kann. Der Verlierer stürzt - dem Tode geweiht - in die Tiefe.
Aoki, der von seinem Freund Kujo abhängig ist, wendet sich gegen ihn, als dieser sich von ihm entfremdet. Er will nun selber Boss werden. Der Konflikt zwischen den beiden Freunden endet tragisch...

Was wir hier zu sehen bekommen, spottet jeder Beschreibung. Wir haben es hier mit einer Mischung der Thematik aus "Die Klasse von 1984" und der Weltuntgergangs-Nihilismus-Grundstimmung der "All Night Long"-Trilogie zu tun. Schwerpunkt liegt eindeutig auf Letzerem. Auch hier bekommen wir wieder unaussprechliche Grausamkeiten geboten. Wer versucht, Kujo den Posten des Bosses streitig zu machen, wird mit Baseballschlägern halb zu Tode geprügelt (richtig hart!!) oder bekommt gar ein Messer in den Bauch gerammt. Gerade diese Szene ist unfassbar. Der Schüler, der daran glauben muss, fragt in einer Toilettenkabine einen Kumpel nach Feuer. Dieser fragt nur: "Wanna die?" und rammt ihm mindestens ein halbes Dutzend mal ein riesengroßes, scharfes Fleischermesser in den Körper. Die Einstiche gehen durch die Kabinentür, wieder und wieder. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Gleichgültigkeit, Eiseskälte und Grausamkeit die Charaktere hier agieren. Inmitten eines Meeres von Blut verweilt Ota - der Mörder - seelenruhig und raucht eine Zigarette. Als sein Sidekick kommt und fragt, wo denn das Opfer sei, antwortet Ota nur ganz beiläufig:"Killed him." Ohne eine Miene zu verziehen. "That's not cool..", antwortet Yoshimura. Zuvor wurde Ota, der die Versetzung wieder nicht geschafft hat, noch von seinem Lehrer gefragt, was er sich für seine Zukunft vorstelle. Er müsse doch Träume haben. "Well..I'm hoping for world peace..or whatever...", antwortet der desillusionierte Junge.
Immer wieder werden Schüler zu Opfern der Bandenmitglieder, vor allen Dingen als Aoki sich wandelt. Mehr als einmal tritt er einem Mitschüler mit den Füßen den Kopf ein. Scheiße wird zerquetscht, andere werden angepinkelt.

Auf dem Schulgelände blühen überall Kirschbäume und andere Pflanzen. Ein krasses Paradoxon zu dem, was in der Schule vor sich geht und wie die Grundstimmung eines jeden einzelnen Schülers ist. Der Film spielt mit Schwarztönen und erzielt so eine einzigartige Wirkung. Alle Schüler tragen schwarze Schuluniformen. Die Gänge der Schule sehen aus wie die hinterletzte Bahnhofsunterführung. Überall Graffiti. Das Graffiti, das Aoki nach seiner Transformation versprayt ist ebenfalls schwarz. Dunkle Bilder. Dunkle Figuren. Eine dunkle Zukunft.

Musikalisch untermalt wird dieses Meisterwerk von hypergenialem, räudig-rotzig gitarrenlastigem japanischem Rock N'Roll der Marke Guitar Wolf. Der Soundtrack ist einfach hammermäßig, einer dieser, wo man denkt: YEAH. Hier stimmt alles.

Kimura, ein Schüler, der sein Leben lang davon geträumt hat, Baseball Profi zu werden und es ins Nationalteam zu schaffen, wird am Rande des Schulgeländes von einem Yakuza angesprochen. Dieser bemerkt, dass Kimuras Team wieder mal verloren hat. "Losing is all we do nowadays.", erklärt Kimura. Als der Yakuza ihm anbietet, sich ihnen anzuschließen, meint Kimura nur:"It's the perfect time." Als er geht, ruft er noch einem Mitschüler zu, er solle es zurückholen. Als dieser wissen will, wovon Kimura redet, erläutert er:"My Youth." Sein Leben lang hat er für seinen Traum gelebt. Der nicht in Erfüllung gehen soll. Dies ist Kimuras Tragik. Als sich die Wagentür schließt, werden seine Ziele und Träume - vermutlich sein ganzes Leben - begraben.

Kujo, der äußerst kalt und emotionslos von Ryuhei Matsuda verkörpert wird, bemerkt seinem Lehrer - einem Liliputaner - gegenüber, Menschen, die wüssten, was sie wollen, würden ihm Angst einjagen. Dieser Satz ist symptomatisch für den Grundton dieses Films. Keiner der Schüler weiß wohin oder was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.
Der kleinwüchsige Lehrer ist die einzige Person, auf die Kujo und Aoki noch halbwegs hören. Wieder und wieder wird uns gezeigt, wie der Lehrer und Kujo sich zusammen um die Pflanzen auf dem Campus kümmern. Als Kujo bemerkt, dass die Blumen am vertrocknen seien und fragt, ob es Blumen gäbe, die niemals blühen, antwortet der Lehrer:"Flowers are there to bloom..not to dry out."

Der Film ist zwar äußerst brutal und nihilistisch, aber zugleich auch Jugendportrait, Drama und ein Film über Freundschaft. Bei keinem anderen Film habe ich es erlebt, dass das Coming of Age-Thema mit dem Nihilismus der All Night Long Teile so perfekt verbunden wurde.

Ich will nicht zu viel verraten, aber das Ende rundet den Film perfekt ab und lässt den Zuschauer ob der nicht zu überbietenden dargebotenen Tragik tief schlucken. Ein absolut perfektes Werk, das besser nicht hätte inszeniert werden können. Schade, dass dem Streifen in der Öffentlichkeit nicht die Beachtung geschenkt wurde, die er eigentlich verdient hätte.
Damit niemand den falschen Eindruck von meinen Beschreibungen bekommt: Selbstzweckhaft in seiner Gewaltdarstellung ist der Film zu keiner Zeit. Genausowenig ist er der exploitativen CAT III-Ecke zuzuordnen. Die Handlung und die Botschaft hinter der Sache gehen Hand in Hand mit den gezeigten Grausamkeiten, die nie ein solch überproportionales Maß wie in den All Night Long Filmen annehmen. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, aber Blue Spring hat eine CAT II B Freigabe bekommen. Parallel zur graphischen Gewalt, kommt aber eben noch der psychologische Horror hinzu, der sich mit zu einem großen Teil für die Vorschlaghammer-Wirkung des Film verantwortlich zeichnet.

Die DVD von Winson Entertainment bietet ein sauberes, gutes Bild und einen passablen wenngleich undynamischen DD 5.1 Ton. Die englischen Untertitel sind zwar gut verständlich, zum Teil aber am rechten Rande abgeschnitten, sodass man nur erahnen kann, was da eigentlich gesprochen wird. Dieser Fauxpas fällt aber nicht allzu sehr ins Gewicht und tut dem Gesamtverständnis des Films keinen Abbruch. Die Disc ist übrigens für lächerliche 2 Euro bei dddhouse zu erwerben. Zuschlagen!



Filmwertung: 10/10

http://beyondhollywood.de/index.php/topic,12091.msg418270.html#msg418270

Offline Max_Cherry

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Antw:Review: Blue Spring
« Antwort #1 am: 01. April 2013, 21:58:49 »
Blue Spring
Puh, der Film ist schwer zu bewerten.
Ganz klar eine Anklage des japanischen Schulsystems, aber gleichzeitig beschäftigt sich "Blue Spring" mit Sinn und Sinlosigkeit des Lebens. Wer sind wir, was für Ziele haben wir, wo führt das alles hin. Die Schule bietet dabei den absolut passenden Schauplatz. Aus dem System Schule heraus haben sich die Heranwachsenden ihre eigene Herarchie aufgebaut. Hier herrscht die Vorstufe von organisiertem Verbrechen, zumindest was die Organisation angeht. Später im Film sieht man auch, das man als mächtiger "Schulboss" Einstiegschancen in die Yakuza haben kann. Hinzu kommt die Bildsprache, die eindeutig hoffnungslos wirkt. Graue Fraben, triste Betonbauten und schwarze Uniformen. Sicher gibt es Wege, um aus dem Teufelskreis heraus zu kommen, aber in einer Welt voller Ungewissheit und Angst vor dem, was da noch kommen mag, wagen viele nicht den entscheidenen Schritt.
Harter Tobak und schlussendlich recht deprimierend. Die größte Schwäche des Filmes ist vermutlich auch seine Stärke, er ist in der Inszenierung komplett auf Glaubhaftigkeit ausgelegt und wirkt dadurch nicht immer, wie ein "richtiger" Spielfilm. Also nicht vom Look her, der ist hochwertig, mehr von der Art und Weise her, wie der Streifen aufgebaut ist. Dramaturgisch gesehen gibt es wenige Momente, die mich wirklich fesseln konnten, abgesehen vom sehr guten Ende (letzte 15 Minuten). Auch die Geschichte setzt sich eigentlich nur aus einzelnen Passagen zusammen, die trotz ihrer teils dokumentatorischen Art, fast immer einen symbolischen Charakter haben.
Die Darsteller sind top, der Soundtrack wütend und die Kompromisslosigkeit, mit der die "Survival Of The Fittest"-Lebenseinstellung durchgesetzt wird ist schon ein bisschen verstörend, obwohl der Film grafisch noch im Rahmen bleibt. Da habe ich nach Gerts Review mit mehr gerechnet.
"Blue Spring" wird für mich wohl eine einmalige Sache bleiben. Die Idee, die hinter allem steht, ist so traurig, wie sie wahr ist. In anderen Filmen wurde sie aber intensiver und packender umgesetzt. Ein paar richtig gute Momente hat der Film, nur als Ganzes betrachet fehlt mir persönlich irgendetwas.
Er würde vermutlich irgendwo im 6,5-7er-Bereich landen.

Mehr beschäftigt mich gerade, dass Gert damals scheinbar bedeutend stärker von der Aussage des Filmes getroffen wurde und nach eigener Aussage viel darüber nachgedacht hat.
Einigen von Euch habe ich darüber berichtet, was ich mit Gert beim letzten Treffen vorher besprochen habe. Es ging im Groben darum, dass er mal wieder raus aus seinem Alltag mit der vielen Fahrerei und Arbeit, Arbeit, Arbeit musste. Einfach mal Urlaub machen, die alten Kumpels vom Studium besuchen, oder eben doch mal die Option zu bedenken, näher Richtung Arbeitsplatz zu ziehen. Er schien von all dem nicht sonderlich begeistert und wollte alles erst lieber so lassen, wie es war, obwohl er selber vorher gesagt hat, wie scheiße die Situation war. Also das war die Kurzfassung.
Erschreckend ist es, dass es in diesem Film Parallelen dazu gibt. Für die Schüler, die nicht den Unterricht mitmachen und in der "Gangster-Hirarchie" weiter oben sind, war die gerade stattfindene Schule das Größte, obwohl sie dort (ohne das sich etwas in ihrem Leben verändert) im Grunde auf keine hoffnungsvolle Zukunft blicken konnten.
Ich verstehe die Begeisterung für "Blue Spring" im Nachhinein, weiß aber jetzt gerade so nicht genau was ich davon halten soll, bzw. ob ich dem überhaupt irgendeine Bedeutung beimesse.

 

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