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Autor Thema: Review: 9 Souls  (Gelesen 1103 mal)

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Offline nemesis

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Review: 9 Souls
« am: 16. Dezember 2011, 20:43:18 »
 

http://www.ofdb.de/film/43683,9-Souls


Irgendwo in Japan: Neun Häftlinge, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten - u.a. ein Bombenexperte, ein Pornobaron, ein Vatermörder, ein ehemaliger Biker -, fliehen aus dem Gefängnis und sind von nun an gemeinsam auf der Flucht. Schon bald erfahren wir über jede Figur mehr, und dass jeder "draußen" noch etwas zu erledigen hat. Doch ihre wiedergewonnene Freiheit steht unter keinem guten Stern...

Hier ist er also. Der Nachfolger von "Blue Spring". Mit einer hohen Erwartungshaltung bin ich hier herangegangen - und wurde nicht enttäuscht. Vielmehr schlägt er den Vorgänger in nahezu allen Belangen. Definitiv einer der besten Filme, die ich seit langem gesehen habe. Anfangs hat man noch den Eindruck, man habe es mit einer Komödie zu tun. Keine Spur vom abgrundtief bösen Nihilismus aus "Blue Spring". Doch Stück für Stück entwickelt sich der Film - der stellenweise beinah wie einer dieser "Filme übers Leben" wie etwa "Garden State" daherkommt - in ebendiese Richtung. Sicher wird das wieder Einigen nicht gefallen, meiner Meinung nach wird dadurch nur die Intensität des zuvor Gesehenen noch weiter verstärkt. Darüber hinaus ist die mangelnde Glaubwürdigkeit / der fehlende Realismus hier nicht so ausgeprägt wie im Vorgängerfilm.

Zu Beginn bereits lernen wir Michiru kennen. Er erstach seinen Vater, zerteilte die Leiche und aß sie auf (wie wir später zu hören bekommen). Michiru ist - wenn man da überhaupt eine Einteilung vornehmen kann - eine der Hauptfiguren und wird verkörpert von Ryuhei Matsuda, den wir schon in "Blue Spring" bewundern durften. Er ist der Ruhige der Gruppe und spricht kaum mal ein Wort. An bestialischen Gewaltausbrüchen a la "All Night Long" soll er gegen Ende des Films aber auch seinen Anteil haben.
Die Gruppe von Flüchtlingen ist wirklich ein bunt durcheinander gewürfelter Haufen. Da hätten wir beispielsweise einen Liliputaner, Shiratori, (gleicher Darsteller wie in "Blue Spring"), ein ehemaliger Arzt, der einst der Frau, die er liebte, eine seiner Nieren gespendet hat. Dann wäre da der Bombenattentäter, der im Laufe der Reise epileptische Anfälle erlebt. Oder auch einen übergewichtigen, völlig harmlos aussehenden Mann mittleren Alters, der sich als Massenmörder entpuppt. Sein Traum ist es, eines Tages eine Frau zu haben und von der Gesellschaft geachtet zu werden. Als die Gruppe in einem Restaurant zu Mittag isst, wirft er ein Auge auf die (überaus hübsche) Bedienung. Da macht es klick - er bewirbt sich sogleich um einen Job als Kellner und bleibt zurück. Stück für Stück wird die Gruppe auseinandergerissen und jeder geht seinen eigenen Weg. Sei es, um die Tochter (Ex-Frau?) bei ihrer Hochzeit zu besuchen, die ehemalige Geliebte wiederzusehen oder den Bruder aufzusuchen.
Shiratori beispielsweise trifft in einem Stripclub seine ehemalige große Liebe wieder, der er einst eine Niere gespendet hatte und bleibt bei ihr.

Doch alles ist vergänglich und wie ich bereits schrieb: Die Vorhaben der Protagonisten stehen unter keinem guten Stern. Kazuma geht zurück in seine alte Nachbarschaft und wird dort aufgrund einer alten Rechnung erstochen. Michiru gerät mit seinem Bruder in Streit, der Konflikt endet blutig. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Das große Glück soll keiner der Protagonisten finden...

Jetzt, wo ich meine Eindrücke niederschreibe, fällt mir doch auf, wie erstaunlich die Entwicklung des Films ist. Zu Beginn wirkt er tatsächlich eher wie eine Komödie, ein absolut harmloses Werk ohne große Härten. Dann wird er mehr und mehr zum Drama und die letzte halbe Stunde schießt mal wieder den Vogel ab, was Nihilismus, Leid, Schmerz und Verlust angeht.
Gerade das Schicksal des kellnernden Massenmörders, der für kurze Zeit so etwas wie Zufriedenheit und Akzeptanz in der Gesellschaft erfährt, geht einem nahe. Denn - und da ist der Realismus, der in "Blue Spring" gefehlt hat - er wird natürlich - trotz Verkleidung - relativ schnell erkannt. Die Folge ist wirklich schmerzhaft. Zu verstörenden Gitarrenklängen prügelt er sich selbst halbtot und versucht seiner mitleiderregenden Existenz ein Ende zu setzen.
Auch der von Epilepsie geplagte Bombenattentäter erfährt ein grausames Schicksal.
Was Michiru dann am Ende mit seinem Bruder anstellt, soll jeder für sich sehen. Aber etwas Gewalttätigeres, Schockierenderes hat man lange nicht gesehen. Sein Bruder, mittlerweile Kredithai und Zuhälter, gaukelt ihm anfangs noch vor, er stünde auf seiner Seite, ist in Wirklichkeit jedoch bereit seinen Bruder auszuliefern, ohne mit der Wimper zu zucken. Das wird ihm schließlich zum Verhängnis.

Die Tode in "9 Souls" werden geradezu zelebriert, was aber nicht heißen soll, dass ihnen etwas Heroisches anhaftet. Vielmehr möchte man als Zuschauer ob der dargebotenen Tragik und Hoffnungslosigkeit am liebsten losheulen.
Der Film endet dann mit einer Traumsequenz. Torakichi, der Anführer, erinnert sich an die kurze Zeit, die man miteinander verbracht hat und in der man - vielleicht zum ersten Mal im Leben - wirklich glücklich war.

Zudem gibt es einige wirklich wunderschöne surreal anmutende Momente sowie skurrile Szenen, die zum Schmunzeln anregen. So zum Beispiel als alle beim Mittagessen im Restaurant sitzen und über jeden einzelnen Ausbrecher und seine Taten berichtet wird. Vorwurfsvoll blicken sie sich gegenseitig an, als von den grausigen Mordtaten berichtet wird. Aber, die Berichterstattung über den ermordeten, zerstückelten und sodann verspeisten Vater, hält keinen vom Essen ab.
Ein schöner, zugleich aber tragischer Moment dann, als ein Häftling zu seiner Ex-Freundin zurückkehrt, in der Hand ein Heiratsantrag. Wortlos stehen sie einige Minuten einander gegenüber. Als sie ihm dann entgegenlaufen will, wird der Häftling von der Polizei ergriffen und in Gewahrsam genommen. Zuvor hatte er sich noch guten Mutes einfach von der Gruppe getrennt.
Skurril wirkt auch die Aufnahme, als Kazuma und Michuri durch die Stadt gehen und ein Bild aller Entflohener zu sehen ist. Denen, die schon gefasst oder nicht mehr am Leben sind, wurde das Gesicht verdeckt. Stumm starren sie das Bild an.

"9 Souls" wirkt irgendwie ausgereifter und weniger unausgegoren als "Blue Spring". Auch wenn der Film zum größeren Teil im Stile eines "Kikujiros Sommer" daherkommt, bleibt zu sagen, dass jeder, der mit "Blue Spring" nix anfangen konnte, auch diesem Streifen - aufgrund der Entwicklung, gerade gegen Ende hin - nicht viel abgewinnen können wird. Mir hat dieser Roadtrip, der vor allem durch seine Bildersprache lebt und wieder mal menschliche Gefühle, aber auch menschliche Abgründe zeigt, jedoch sehr gut gefallen. Auch der Soundtrack ist einmal mehr überaus gelungen. Zurückhaltende, unaufgeregte Gitarrenklänge untermalen das Geschehen durchaus passend.

Die US-DVD von Artsmagic bietet eine hervorragende Qualität und ein paar tolle Extras, wie Interviews mit dem Regisseur und einen Audiokommentar.



Filmwertung: 10/10

http://beyondhollywood.de/index.php/topic,12106.msg418265.html#msg418265

Offline Flightcrank

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Antw:Review: 9 Souls
« Antwort #1 am: 20. Oktober 2013, 21:15:22 »
An Gerts Geburtstag gesehen weils ein Meisterwerk für ihn war. Mir hat er leider nicht so zugesagt. Kein Plan wie ich den bewerten soll....

Offline JasonXtreme

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Antw:Review: 9 Souls
« Antwort #2 am: 21. Oktober 2013, 09:48:18 »
Keine Angst, ging mir genauso. Hatte damals mit Gert auch länger drüber geredet, und er sah es dann auch ein :D ich verstand seine Punkte zwar irgendwo, und der Film ist ja nicht SCHLECHT, aber für mich war er einfach ein Onetimer.
Einmal dachte ich ich hätte unrecht... aber ich hatte mich geirrt.


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