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Autor Thema: Kurzgeschichte: "Nächtlicher Besuch" von Stephan M  (Gelesen 682 mal)

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Kurzgeschichte: "Nächtlicher Besuch" von Stephan M
« am: 23. Januar 2005, 17:59:34 »
Nächtlicher Besuch  
von Stephan Möller


Als Peter zum letzten Mal in seinem Leben auf die Uhr sah, war es genau 23 Uhr 59.
 Er saß in seinem Lieblingssessel, hielt in der rechten Hand eine Tasse original ostfriesischen Schietwettertees, aus der er ab und zu genüsslich einen kleinen Schluck trank, und in der linken Hand Tolstois „Anna Karenina“.
 Draußen tobte ein wilder Sturm, verbunden mit starken Regen- und ab und zu sogar Hagelfällen, die solch ein Getöse verursachten, dass man auch leicht hätte denken können, es würde Steine regnen.
 Peter hatte erst vorgehabt, sich einen Film anzugucken, einen aus der Horrorecke, aber dann hatte der Sturm angefangen und ihm war für seinen Geschmack schließlich doch zu gruselig geworden, deshalb hatte er den Fernseher abgeschaltet und zu seinem Buch gegriffen.
 Er las „Anna Karenina“ nun schon zum dritten Mal und jedes Mal begeisterte der Roman ihn ein bisschen mehr, als zuvor. Er war gerade an der Stelle, an der Anna sich selbst tötet, als er gähnte und ihm der Gedanke kam, dass es Zeit war, ins Bett zu gehen.
 Er klappte sein Buch zu, stand auf und bewegte sich auf das riesige Panoramafenster zu, dass sein Wohnzimmer an Sommertagen zu einem wahren Schmuckstück machte.
 Der Sturm war wirklich heftig, der Wetterfrosch von Radio FFN hatte nicht gelogen, als er sagte, es würde die stärksten Sturmböen seit mindestens 10 Jahren geben. Gerade jetzt, als Peter dies dachte, gab es wieder einen heftigen Windstoß, der die Bäume derart krümmte, dass zu befürchten war, diese würden samt Wurzeln aus dem Boden gerissen werden.
 Der Wind wurde am Haus gebrochen und erzeugte ein so markerschütterndes Heulen, dass sich Peters Eingeweide zusammenzogen und erst wieder locker ließen, als dieser sich zusammenriss und vom Fenster wegging.
 Doch die nun wieder eingetretene Stille wurde sogleich von einem wilden Klopfen gestört. Peter erschrak. Wer klopfte denn um Mitternacht an eine fremde Tür? Noch dazu bei so einem Sturm? Er löste sich aus der Starre, die Peters Körper nach dem plötzlichen Schock umfangen hatte, und ging in Richtung Haustür.
 Dem mache ich Beine!, dachte er, während er sich durch das geräumige Wohnzimmer auf die Tür zu bewegte, die in die Diele führte. Einfach mitten in der Nacht anzuklopfen, als sei der Teufel hinter ihm her!
 Doch als er die Tür geöffnet hatte und nach draußen getreten war, soweit er sich bei den Sturmböen traute, die nun wieder einsetzten, wurde er enttäuscht: es gab niemanden, dem er hätte Beine machen können. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, nicht mal in dem 500 Meter entfernten Örtchen Hooksiel war ein Licht, geschweige denn ein Mensch zu sehen.
 „Verdammte Gören!“, fluchte er leise vor sich hin, als er sich umdrehte, um wieder ins Haus zu gehen. Doch dann, in der Bewegung, sah er es: auf dem Weg, der von der etwa 50 Meter entfernt liegenden Straße zu seinem Haus führte, lag ein Körper. War es ein Mensch? Ja, da war er sich ziemlich sicher. Er glaubte sogar, erkennen zu können, dass es sich um eine Frau handelte.
 Oh Scheiße, dachte er, dass hat mir gerade noch gefehlt!
 So schnell wie möglich eilte er zu der Frau, die reglos auf den sandigen Fliesen lag. Als er ankam, stellte er erschrocken fest, dass sie nicht einfach nur bewusstlos war, wie er zunächst angenommen hatte, sondern zudem auch noch eine ganze Menge Blut verloren hatte, denn in ihrem Hals klaffte eine Wunde, nicht sehr groß, aber dafür an einer sehr gefährlichen Position, nämlich direkt neben der Halsschlagader.
 Oh Mann, was mach’ ich denn jetzt?, fragte er sich in Gedanken. Er kam zu dem Entschluss, dass er zunächst die Blutung stillen und anschließend den Notarzt rufen musste.
 Er nahm die Frau also auf den Arm und trug sie ins Haus. Hier holte er ein Stück Verband und einen Mühle-Stein, und wollte gerade damit beginnen, einen Druckverband anzufertigen, als er stockte: waren das an der Wunde die Abdrücke von Zähnen? Es sah fast so aus! Nur dass das nach sehr spitzen Zähnen aussah ... wie von einer Schlange. Aber eine Schlange? Hier? An der Nordseeküste? Nein! Doch hätte Peter es nicht besser gewusst, hätte er tatsächlich gedacht, eine Schlange hätte die Frau angegriffen. Jetzt, wo er darüber nachdachte, kam ihm auch die Wunde selbst sehr seltsam vor ... es sah gerade so aus, als hätte eine Schlange der Frau in den Hals gebissen und schließlich ein Stück Fleisch mit herausgezogen. Nur das war unmöglich, es gab hier keine Schlangen. Ca. 15 Kilometer landeinwärts waren kleine Moore, da gab es welche, aber nicht hier, nicht in Hooksiel.
 Nun reiß dich zusammen!, befahl eine Stimme aus Peters Hinterkopf. Während du hier rumsitzt und über einen möglichen Schlangenangriff grübelst, verblutet die Frau vor deinen Füßen!
 Das wirkte. Peter nahm das Stück Mull-Binde und den Mühle-Stein zur Hand, und fertigte einen Druckverband an.
 Als er hiermit fertig war, sprang er auf und rannte so schnell er konnte zum Telefon, welches im Wohnzimmer neben dem Sessel stand, in dem er vor nur 10 Minuten noch nichtsahnend  mit einer schönen Tasse Tee gesessen und gelesen hatte. Hätte er nur eine Viertelstunde früher aufgehört zu lesen, dann hätte er schon geschlafen, wenn die Frau gekommen wäre, und der ganze Ärger wäre ihm erspart geblieben! Der Gedanke daran wurmte ihn.
 Aber das war jetzt egal, er war nicht früher ins Bett gegangen und war so nun dazu verpflichtet, der Frau zu helfen, also konnte er sich nicht mit irgendwelchen Wunschgedanken herumschlagen.
 Er kam zu dem Telefon, nahm den Hörer ab und wählte 112. „Notrufzentrale, guten Abend. Was ist ihr Anliegen?“
 Peter schilderte dem Mann kurz, was passiert war; dann sagte dieser, dass sie einen Notarztwagen schickten, welcher jedoch aufgrund des heftigen Sturmes etwas Zeit benötigen würde.
 Peter legte auf und machte sich auf den Weg zurück zu der Frau. Wieder kam er ins Grübeln, was das für eine Wunde sein könnte, doch es fiel ihm nur eine einzige Möglichkeit ein: die Frau musste einer Schlange zum Opfer gefallen sein, doch das war nun mal unmöglich.
 Er kam zurück zu der Stelle, an der die Frau lag ... oder besser: gelegen hatte, denn sie war nicht mehr da.
 „Das ... das ist doch unmöglich“, stammelte Peter für sich selbst, denn das war es doch auch, unmöglich. Die Frau hatte derart viel Blut verloren, dass sie gar nicht ihr Bewusstsein wiedererlangt haben konnte. War das ein schlechter Scherz? Nein, die Blutung war echt, diese Möglichkeit war also auch auszuschließen. Aber was sollte sonst passiert sein?
 Er hörte ein Poltern hinter sich und drehte sich ruckartig um. Das Geräusch war aus einem der hinteren Räume gekommen, aus der Vorratskammer oder seinem Atelier.
 „Hallo?“, rief er. Keine Antwort. „Hallo?“ Diesmal etwas lauter. Wieder nichts. “Ist da wer?” Ein leises Rascheln. „Soll das ein Scherz sein?“
 Verdammte Scheiße, dachte er. In was für einen Dreck bist du bloß wieder reingeraten?
 Er griff sich ein scharfes Küchenmesser und ging in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren. Was konnte bloß los sein? Warum hatte die Frau trotz des immensen Blutverlustes ihr Bewusstsein wiedererlangt? Was war das für ein Biss? Eine Frage nach der anderen stellte sich ihm und er konnte keine einzige von ihnen beantworten. Schon wieder etwas, das ihn wurmte.
 Wieder hörte er ein Geräusch, diesmal klang es wie etwas aus einem Horrorfilm ... eine Art Mischung aus einem Stöhnen und einem Zähnefletschen. „Falls das ein Witz sein soll, ist der nicht komisch!“, sagte Peter laut. Und was er dann hörte, ließ ihn beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Es war ein unterdrücktes Lachen, wieder wie aus einem Horrorfilm; diesmal war Peter sogar in der Lage, zu sagen, aus welchem Horrorfilm: so lacht der verrückte Schriftsteller aus „Shining“ (der, den Jack Nicholson spielt), als er auf der Suche nach seinem Sohn die offene Schranktür bemerkt.
 Vorsichtig bog Peter um die Ecke und blickte in sein Atelier. Nichts, es war abgesehen von seinem Schreibtisch, dem Drehstuhl und seiner alten Olympia-Schreibmaschine vollkommen leer. Dann wandte er seinen Kopf nach rechts und sah die offene Tür der Vorratskammer. Er war sich sicher, dass er sie vorhin, als er einen Teebeutel daraus geholt hatte, wieder fest verschlossen hatte, doch nun stand sie sperrangelweit offen.
 Langsam schlich er hin. Saß die Frau da drin? Mit Sicherheit. Aber warum? Glaubte sie, er habe sie verletzt? Glaubte sie, sie müsse sich gegen ihn verteidigen? Wenn ja, womit würde sie es tun? Sie konnte sich während seiner Abwesenheit alle möglichen Messer aus den Schubladen in der Küche geholt haben, genauso, wie er es getan hatte.
 Peter gelangte bei der Tür an, presste seinen Körper gegen die Wand neben dieser, holte noch einmal tief Luft und stieß sie ruckartig auf. Was er nun sah, wiedersprach allem, was er jemals über die Realität gelernt oder gedacht hatte. Er hatte gedacht, so etwas wie Monster würde es nur in den Horrorfilmen geben, die er doch so gerne sah, und in den Horrorromanen, die er so gerne las. Aber diese Theorien wurden alle über einen Haufen geworfen, als er die Frau sah, die aber nun keine Frau, sondern vielmehr eine Horrorkreatur war.
 Sie hatte zwar schon kaum noch Gesichtsfarbe gehabt, als Peter ihr den Druckverband angelegt hatte, aber die der Frau übertraf nun jedes bleiche Gesicht, dass er jemals in seinem Leben gesehen hatte.
 Außerdem waren ihre Eckzähne gewachsen, sie sahen nun aus, wie Schlangenzähne ... oder vielmehr wie Vampirzähne!
 Oh mein Gott, dachte Peter, das ist ein Vampir! Das Ding, dass sie draußen angefallen hat, war keine Schlange, das war ein Vampir!
 Die Frau sah ihn mit ihren nun purpurrot glänzenden Augen an und begann, diabolisch zu lächeln, wobei sie die ganze Hässlichkeit ihrer Zähne entblößte. Sie machte einen Satz nach vorne, auf Peter zu, aber dieser war schneller: geistesgegenwärtig sprang er beiseite und der Vampir fiel in das Regal, auf dem die Konserven gestapelt waren. Dann hob Peter sein Messer und ließ es schon auf ihren Nacken zu hinuntersausen, als sie sich ebenso schnell umdrehte, wie Peter geradeeben bei seinem Sprung zur Seite, und ihm das Messer aus der Hand schlug, welches daraufhin klirrend zu den Kartoffeln in die Ecke flog.
 Peter rangelte mit dem Vampir und wunderte sich noch, was für eine Kraft dieser für die doch eher zierliche Statur hatte, als die Kreatur ihn auch schon zu Boden warf.
 Der Vampir kniete sich hin und beugte sich über ihn. Peter glaubte, einen mitleidigen Blick in seinen verrückten Augen sehen zu können, und für einen Moment dachte er tatsächlich, dieser würde von ihm lassen. Doch auch dieser Wunschgedanke wurde zerstört, als der Vampir seinen Kopf ruckartig nach unten warf, direkt auf seine Halsschlagader zu. Für einen kurzen Moment spürte Peter einen stechenden Schmerz, doch dann wurde alles um ihn herum dunkler, und immer dunkler, bis plötzlich alles nachtschwarz war.


Zeitungsausschnitt vom 06.10.2003:

Gestern Abend wurde von einem Haus etwa 500 Meter des westlichen Stadtrands von Hooksiel aus der Notarzt gerufen, der jedoch wegen der starken Sturmböen länger brauchte, um zu dem Unfallort zu gelangen.
 Als sie schließlich doch noch ankamen, bot sich den Rettern ein Bild des Grauens: Peter Genen, der Mann, der in der Notrufzentrale angerufen hatte, und eine Frau, dessen Personalien von der Polizei noch nicht ermittelt worden sind, kamen ihnen blutüberströmt und ganz offensichtlich verrückt geworden entgegen, und versuchten, sie mit einem Biss in die Halsschlagader zu töten.
 Mit Müh und Not gelang es dem Fahrer des Rettungswagens und dem Notarzt selbst, die beiden Wahnsinnigen zu überwältigen und der Polizei zu übergeben. [...]



ENDE

Stephan Möller
Schortens, den 07. – 08.02.2004

Anonymous

  • Gast
Kurzgeschichte: "Nächtlicher Besuch" von Stephan M
« Antwort #1 am: 23. Januar 2005, 18:00:16 »
Eine meiner Geschichten ... würde mich freuen, mal ein oder zwei Meinungen zu bekommen. ;) :D

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  • aka Patrick
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Kurzgeschichte: "Nächtlicher Besuch" von Stephan M
« Antwort #2 am: 23. Januar 2005, 19:12:26 »
Liest sich eigentlich ganz gut. Die Geschichte ist zwar nicht gerade originell, ist aber dennoch spannend. Was mir aber gar nicht gefallen hat, sind die vielen langen Sätze. Man könnte daraus ohne Probleme zwei Sätze machen. Das liest sich in meinen Augen viel besser. Aber ich bin auch nur ein Laie ;) .
die kommt noch... irgendwann...

 

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