Mobbing

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Offline Stubs

  • "Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen"
  • Die Großen Alten
    • Ich bin verhaltensoriginell und emotionsflexibel
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    Ich brauch Hilfe! Komm nicht weiter und bin mir noch nicht mal sicher, ob das Ding es verdient hat, beendet zu werden. Vielleicht fehlt auch der Druck, ich hab keine Ahnung (aber davon ganz viel).

    Sacht mal an!  ;)
    Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


    Offline Stubs

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      „Wünsche nie etwas, was durch Mauern oder Vorhänge verborgen werden müsste.“ (Marc Aurel)

      Manchmal wünscht man sich eine Wunderlampe, drei Zaubernüsse oder eine gute Fee, die alle Träume Wirklichkeit werden lassen. Da ist nur ein Haken, manchmal wünscht man schneller als man denkt und dann lässt es sich nicht mehr aufhalten …

       „Gib mir noch mal das Gleiche.“ Ich wedelte mit meinem leeren Glas über der Theke rum.
      Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm Mitch, der Barkeeper, mir das Glas aus der Hand. Er verkniff sich einen weiteren Kommentar. Mein Glück, dass die Bar am Freitagabend gut gefüllt war, sonst hätte ich mir sicher eine Litanei über meinen Alkoholpegel und meine Gemütsverfassung anhören können.
      „Scheiß Weiber“ grummelte ich zum x-ten Mal vor mich hin. Wenn ich an meine beiden Kolleginnen dachte, trieb es mir vor Wut und Scham die Röte ins Gesicht. Die beiden machten mir das Leben zur Hölle. Warum waren Frauen eigentlich so grausam? War das genetisch? Seit Monaten schon war ich den Launen und Anfeindungen der beiden ausgesetzt. Niemand half mir und da die beiden sich einig waren, trafen meine Bitten um Hilfestellung bei unserem Chef auf taube Ohren. Erst heute hatte er meine erneuten Schilderungen mit einem desinteressierten Achselzuckeln abgetan und gemeint, ich solle nicht so empfindlich sein. Mit Zurückweisung konnte ich nicht gut umgehen, ich war es nicht gewohnt, dass man mir keine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen ließ, schon gar nicht durch das männliche Geschlecht. Aber meine durchaus attraktive Erscheinung und mein aufgeschlossenes Wesen waren mögliche Gründe, warum ich zur Zielscheibe der Mobbingattacken geworden war.
      Tief in eigene Gedanken versunken, schrak ich auf, als Mitch mir ein neues Glas Tequilla vor die Nase setzte. Das wievielte? Da muss ich passen, ich war schon seit Stunden hier und hatte irgendwie den Überblick verloren. Konnte mich selber nicht leiden, dabei hasse ich Selbstmitleid.
      Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich aus den vor mir stehenden drei Gläsern eins zu machen. Es kostete mich einige Anstrengung, bis ich mir sicher war, nicht am Glas vorbei zu greifen. Schwungvoll setze ich das Glas an die Lippen und kippte den Scheiß mit einer ruckartigen Kopfbewegung in mich hinein. Ich spürte, wie ich den Gleichgewichtspunkt überschritt und hilflos nach hinten fiel. Der Schreck spannte ein Netz aus engmaschigen, heißen Nadeln über meine Haut und der Alkohol brannte in meiner Nase, so dass mir die Tränen in die Augen stachen, als sich der Barhocker mit mir Richtung Boden neigte. Peinlich, peinlich schrie eine schrille Altweiberstimme in meinem Kopf und ich betete, dass der Fußboden sich auftun möge.
      Mein Sturz wurde von starken Armen aufgehalten. Benebelt glotzte ich auf den durch schwarzes Leder verhüllten Arm, der sich über meine Brust geschoben hatte und hörte das leise Knirschen des schwarzen Materials, als mein Kopf gegen die Brust meines Retters stieß und ich eine Mischung aus Leder und Aftershave in die Nase bekam.
      „Hoppla, …“ hörte ich eine überraschte Männerstimme sagen, als der Barhocker und ich langsam wieder in die Ursprungsposition gestellt wurden „… was fällt mir denn da vor die Füße?“
      Mit hochroten Wangen starrte ich in das verkniffene Gesicht des Barkeepers. Wahrscheinlich hatte die ganze Bar das Schauspiel beobachtet und gaffte mich an. Ich wäre am liebsten gestorben. Vorsichtig versuchte ich Spannung in meinen alkoholgeschwächten Körper zu bringen. Angriff war die beste Verteidigung – meistens.
      Lässig warf ich mein Haar mit einer Kopfbewegung nach hinten und bereute es sofort, als ich von einem heftigen Schwindel erfasst wurde und gezwungen war, mich an die Theke zu krallen, um nicht wieder umzukippen. Ich hob eine Hand und verkündete mit schwerer Zunge, dass alles in Ordnung sei. Am liebsten hätte ich mir beide Hände vor den Mund geschlagen – meine Zunge war schwer und ich lallte rum! Doch ich wagte es nicht, die Hand von der Theke zu nehmen – nur für alle Fälle.
      Mitch blaffte mich böse an „Ich bring dir erst mal Kaffee.“ Ruckartig entfernte er sich. Ich sah ihm trotzig hinterher, was bildete der Arsch sich ein? Eine Runde gemeinsamen Matratzensports machte ihn nicht zu meiner Anstandsdame. Hoffentlich ließ sein Interesse jetzt nach, für feste Beziehungen bin ich nicht geboren. Ich liebe die Abwechslung und meine Unabhängigkeit. Bloß keine Verpflichtung und Verantwortung, das macht alles nur unnötig kompliziert und raubt einem die Lebensfreude.
      Vorsichtig schaute ich nach rechts und war erleichtert, zu sehen, dass die Gäste ihre Gespräche wieder aufgenommen hatten. Nur ein paar Schlipsträger schauten noch interessiert in meine Richtung, aber das war ich gewohnt und lag hoffentlich nicht an der peinlichen Show, die ich eben abgezogen hatte. Meist betrete ich die Bildfläche und die Herren der Schöpfung werfen mir allerlei Blicke zu, interessiert, anerkennend, sehnsüchtig, die einen offen, die anderen verstohlen. So was begleitet mich, seit ich denken kann.
      Ich beschloss, heute nicht alleine nach Hause zu gehen, wäre ja noch schöner, wenn die beiden Büroschlampen mir mein Selbstbewusstsein und meinen Feierabend versauen würden. Den Kerl, den ich heute Abend abschleppen würde, wollte ich den beiden verheirateten Grazien widmen. Diese frustierten, frigiden, hässlichen …
      „Alles in Ordnung?“ hörte ich meinen Retter von links fragend meine Hasstiraden unterbrechen.
      Den hatte ich verschämt ausgeblendet und begann ihn nun vorsichtig zu mustern. Wir saßen hier in einer ziemlich angesagten Bar. Das Publikum war Ende zwanzig bis Mitte vierzig, die Männer in Bürokluft gehüllt und die Frauen durchgestylt. Mein Retter passte kleidungstechnisch nicht in dieses Muster, keine Bürokluft und Gott sei Dank auch kein feminines Styling. Er trug Jeans, ein schwarzes Polo, darüber eine schwarze Lederjacke – sah alles teuer aus. Wenn Joe, der Türsteher, in durchgelassen hatte, mussten die beiden sich kennen oder der Typ hatte ihn geschmiert. Der Türsteher war ein Blender, aufgepumpt durch Anabolika, bekam er kaum noch einen hoch. Die Nacht mit ihm war Schwerstarbeit gewesen und die ganze Arbeit hatte sich kaum gelohnt. Innerlich verdrehte ich die Augen, wenn ich daran dachte, wie oft ich ihm hatte versichern müssen, dass er gut gewesen war. Traurig, traurig, tolle Verpackung aber enttäuschender Inhalt. Meine Erwartungshaltung an diese Nacht war sehr hoch gewesen, die Enttäuschung umso größer. Doch nun wollte ich meine ungeteilte Aufmerksamkeit meinem Gegenüber schenken und schob die Gedanken an Joe zur Seite.
      Dichtes, dunkles Haar und tiefblaue Augen in einem markanten Gesicht – sehr männlich – so mag ich das. Seine Figur schien durchtrainiert zu sein, konnte dies aber wegen der wuchtigen Lederjacke nicht genau erkennen.
      Scheppernd klatschte Mitch mir den Kaffee auf die Theke. „Sieh zu, dass du wieder nüchtern wirst und dann geh nach Hause …“ mit einem bedeutungsvollen Blick musterte er den Typen „… alleine.“
      Trotzig griff ich nach der Tasse und blaffte ihm ein „Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß!“ hinterher.
      Mein Gegenüber zog erstaunt die Augenbrauen hoch und nickte in Richtung Mitch. „Dein Freund?“
      Ich griff nach der Tasse und nahm einen kräftigen Schluck, vielleicht war es ja doch besser, wieder halbwegs nüchtern zu werden, nicht ganz, aber halbwegs. „Das hätte der gerne. Spinner.“ Angewidert verzog ich das Gesicht. Mitch hatte mir einen Pott voll heißem Mocca serviert. Auf dem Zeug konnte man kauen. Klebrig und heiß rann es mir die Kehle runter.
      Ich spürte, wie mein Retter mich musterte, seinem Gesichtsausdruck zu folgen, gefiel ihm, was er sah. Langsam bekam ich wieder Auftrieb und der starke Kaffee/Mocca klärte auch ein wenig den Nebel in meinem Kopf. Ich rückte mich in Positur und schenkte meinem Retter einen verführerischen Augenaufschlag.
      „Was verschlägt denn einen so sportlichen Typen wie dich in dieses Bürohengste-Ambiente? Ich hab dich hier noch nie gesehen.“
      Er malte mit seinen Fingern Kreise auf die Theke. Kräftige, lange Finger, manikürt.
      „Mich wundern, dass ich noch nichts zu trinken hab und dass es hier üblich scheint, dass die Damen nicht besonders gut erzogen sind, zumindest bedanken sie sich nicht.“ Er grinste mich herablassend an.
      „Wieso bedanken, das gehört zu meiner Masche.“ Ich lächelte ihn an.
      „Sich dem Erstbesten vor die Füße werfen?“ fragte er erstaunt.
      „Ja, eine todsichere Methode, schnell in den Armen eines wildfremden Mannes zu landen.“ Ich klimperte ihn unschuldig und mit ernstem Gesicht an.
      „Aha.“ Suchend blickte er in Richtung Mitch.
      Ich schüttete mehr von dem starken Gebräu in mich hinein. Schien, als wollte er erobert werden. Denn sein Interesse kühlte merklich ab.
      „Mitch, Süßer?“ Rief ich nach der Nervensäge auf der anderen Seite der Theke. Der Schwachkopf kam auch brav heran.
      „Wieder nüchtern?“ Sein Gesichtsausdruck war zwar immer noch verschlossen, aber sein Blick rutschte immer wieder in meinen Ausschnitt. Das mochte ich so an ihm, er war jederzeit berechenbar. Ich tat ihm den Gefallen und beugte mich zu ihm herüber, um die Bestellung aufzugeben. „Süßer, für mich einen Weißwein und …“ ich sah meinen Gesprächspartner fragend an.
      „Gib mir einfach ein großes Bier.“ Dabei angelte er eine Packung Zigaretten aus seiner Lederjacke.
      Mitch zog ab, um seinen Job zu erledigen. „Mein Name ist übrigens Kate.“ Versuchte ich meine Kontaktaufnahme voranzutreiben. Fragend sah ich meinen Thekennachbar an. Der beschäftigte sich weiter mit seinen Kippen und murmelte irgendwas von „Nenn mich Greg.“
      Seine Gleichgültigkeit und Flirt-Resistenz gingen mir ganz schön auf die Nerven. Das schien heute wirklich nicht mein Tag zu sein, erst die beiden Büro-Furien und jetzt ließ mich dieser Typ auch noch abblitzen. Mitch verteilte die Bestellung und grinste mich gehässig an, er hatte wohl auch erkannt, dass das nicht allzu gut für mich lief und rieb sich im Geiste schon die Hände.
      Sauer hing ich meinen Gedanken nach und dachte mir nette Folter- und Tötungsszenarien für die lieben Kolleginnen aus. Ein wenig Spaß musste ich mir eben heute Abend selber verschaffen. An Greg dachte ich schon gar nicht mehr, da sprach er mich mit interessiertem Klang in der Stimme an. „Einen Penny für deine Gedanken.“
      Ich lachte freudlos auf. „Kann ich mir kaum vorstellen. Wenn du meine Gedanken lesen könntest, würdest du mir wahrscheinlich einen Freifahrtschein in die Geschlossene besorgen.“
      Greg beugte sich näher zu mir. In seinem Blick war unverhohlenes Interesse. „Probleme?“
      Ich war unsicher, normales Flirten schien ihn eher zu langweilen, aber bei Problemen, war er auf einmal hellwach und interessiert. Mir waren schon ähnliche Typen begegnet, meist hatten sie alle ein ausgeprägtes Helfersyndrom oder waren leidenschaftliche Hobbypsychologen. Immer daran interessiert, mit welchen Problemen man derzeit zu kämpfen hatte. Na ja, da hatte ich doch mit meinen beiden Zicken das Richtige zu bieten. Der Zweck heiligt die Mittel, oder wie sagt man so schön?
      Böse schaute ich ihn an. „So kann man das auch nennen. Ich hab gerade Angst vor mir selber. Man muss mir schon lange und fest auf die Füße treten, aber wenn ein gewisser Punkt überschritten ist, dann geht meine Phantasie mit mir durch.“ Ich seufzte und zuckte mit den Achseln. „Was soll’s.“
      Geradezu eifrig nahm er sein Bier und mein Weinglas und deutete mit dem Kopf auf eine freie Sitznische. „Komm, da drüben sind wir ungestörter. Ich bin ein erstklassiger Zuhörer und du wirst dich besser fühlen, wenn du dir alles von der Seele geredet hast.“
      Mir war nach lachen, laut und dreckig, mitten in sein fiebrig-interessiertes Gesicht, aber ich hielt mich zurück, vielleicht ging ja doch noch was mit uns beiden und auf ein Alternativprogramm mit Mitch oder Joe … nein, dann lieber ne kleine Show und was Neues ausprobieren. Also tat ich ihm den Gefallen und weihte ihn in meine düsteren Gedanken ein. Ich war gut, redete mich immer mehr in Rage und entwickelte immer abartigere Gedanken, wenn es darum ging, auszumalen, wie ich meine beiden Kolleginnen bestrafen würde. Es machte riesigen Spaß und allmählich merkte ich, wie die Anspannung zu diesem Thema von mir abfiel, eine tiefe Genugtuung machte sich in mir breit und vertrieb den Zorn. Selbst die Demütigung war nur noch eine blasse Erinnerung und verzog sich, wie Rauch. Irgendwie kam mir nach über einer Stunde sinnloser Folter und trashigem Terror die ganze Scheiße mit den beiden Schicksen nebensächlich vor. Ich hatte sie im Geiste bestraft und würde ihnen am Montag mit der nötigen Gelassenheit begegnen können.
      Amüsiert betrachtete ich Greg. Ich war entspannt und konnte mir sogar vorstellen, alleine die Nacht zu verbringen, Greg hingegen strahlte über das ganze Gesicht, seine Augen hatten einen fiebrigen, fast hungrigen Glanz und seine Zunge huschte dauernd über seine Oberlippe, so als wollte er all die bösen Dinge, die ich herausgewürgt hatte, versuchen zu schmecken. Er war mir regelrecht auf die Pelle gerückt und ich war mir sicher, er hatte einen ordentlichen Hammer in der Hose.
      Ich schwankte zwischen Triumph und Mitleid. Hauptsache er bekam einen hoch, manchmal musste man sich eben auf das Wesentliche konzentrieren. Ich schwor mir, einen letzten Versuch zu starten, ließ er mich abblitzen, würde ich brav alleine unter meine Decke schlüpfen.
      Wir saßen mittlerweile so nah beieinander, dass sich unsere Schultern berührten. Ich stieß ihn mit meiner Schulter an. „Was bekomm ich denn als Gegenleistung von dir? Hat nicht schon Hannibal Lecter *quit pro quo* gefordert?“
      Er verzog seinen Mund mit geschlossenen Lippen zu einem breiten Grinsen, es wirkte weder freundlich noch attraktiv. Für einen kurzen Moment wurde ich unsicher, ob ich den eingeschlagenen Weg weiter gehen wollte.
      Er bemerkte mein Zögern und tätschelte mir beruhigend die Hand. „Keine Sorge, du bekommst mein spezielles Zwei-Stufen-Modell.“ Mit diesen Worten stand er auf und ging zur Theke, anscheinend wollte er zahlen. Was war denn bloß ein Zwei-Stufen-Modell? Zahlen und Ficken? Ich beschloss, mich diskret von der Bildfläche zu verabschieden und verließ eilig die Bar. Mitch war mit Abrechnen beschäftigt und Joe flirtete mit irgendeiner Blondine, in Sekunden war ich auf der Straße und freute mich über die kalte, klare Luft. So langsam verzog sich der Restalkohol auf ein erträgliches Maß, so dass ich schneller vorankam, ohne wie ein Flipperball hin und her zu titschen. Bis zu meinem Appartement war es nicht weit, noch ca. zwei Blocks und ich konnte den beschissenen Freitag beenden.
      Es war spät und einsam hier draußen. Der Mond hatte sich hinter einer dichten Schicht aus Wolken verzogen, meine Schritte halten hohl von den Häuserwänden zurück. Ich zog den Kragen meiner Jacke zusammen und stemmte mich gegen den eisigen Wind. Tränen liefen mir aus den Augenwinkeln und behinderten meine Sicht. Ich blieb stehen und angelte in den Untiefen meiner Jacke nach dem Hausschlüssel. Ein Zittern durchlief meinen Körper, das lag nicht nur am eisigen Wind sondern an dem unbestimmten Gefühl, beobachtet zu werden. Ich drehte mich um. Die Straße hinter mir war menschenleer. Konzentriert starrte ich in die dunklen Ecken und Nischen und versuchte, zu erkennen, was sich dort verbarg. Nichts. Wahrscheinlich plagte mich nur mein schlechtes Gewissen. Immerhin hatte ich im Geiste meinen Kolleginnen übel mitgespielt und meinen Retter grußlos und mit meiner nicht unerheblichen Rechnung zurückgelassen. Ach was, Mitch würde den Betrag aufschreiben und mir beim nächsten Besuch unter die Nase halten und den beiden Hexen war ja auch nichts passiert, was machte ich mir also für Gedanken. Ich lächelte, aber wirklich erleichtert fühlte ich mich nicht. Unsicher setzte ich meinen Weg fort.
      Meine Füße schmerzten, sie waren eiskalt und eingezwängt in schicke, aber äußerst unbequeme Schuhe, am liebsten hätte ich sie von den Füßen geschleudert und wäre den Rest des Weges in panischer Angst gerannt. Aber ich war ja keine 12 mehr und so gab ich meinem Fluchtinstinkt nicht nach.
      Endlich konnte ich die Fassade meines Wohnhauses erkennen und der Drang, einfach loszurennen wurde fast übermächtig. Ich fühlte mich, wie damals im Keller meiner Eltern. Mit dem Rücken zum Gang schien mir die Haut von den Knochen kriechen zu wollen, sämtliche Härchen an meinem Körper richteten sich warnend auf. Ich rechnete jeden Moment damit, dass mich eine Ausgeburt der Hölle von hinten packen würde. Der Drang zu schreien war groß – damals im Keller und nun mit dem Rücken zur Straße. Hektisch stieß ich den Schlüssel ins Schloss, doch meine zitternden Finger verfehlten nun schon zum wiederholten Male das Schlüsselloch. Ich wurde immer nervöser und schaute ständig über meine linke Schulter zurück. Himmel noch mal, was war bloß mit mir los?
      Der Schlüssel glitt mehr zufällig ins Schloss und ich drehte ihn hastig herum, fast rechnete ich damit, dass er mir abbrechen würde, doch das Material hielt meiner Panik stand und ich drückte mit einem Seufzer der Erleichterung die Eingangstüre auf. Ich stolperte in die Eingangshalle und drehte mich hastig, um die Tür sofort wieder zu schließen.
      Den Luftzug spürte ich auf meinem Gesicht, dann stieß etwas großes, kaltes mit unterbittlicher Härte gegen meine Wangen, Nase und Augen. Für einen kurzen Moment glaubte ich, ich hätte mir die Eingangstür vor den Kopf gehauen. Angsterfüllt riss ich die Augen auf und sah durch die Hand, die wie eine Stahlklammer auf meinem Gesicht lag, in die wutverzerrte Fratze meines Retters aus der Bar.
      Sein unbeherrschter Stoß ließ meinen Hinterkopf gegen die Wand knallen, so dass lustig blinkende Vierecke hinter meinen geschlossenen Lidern pulsierten. Der Aufprall drückte mir die Luft aus den Lungen, an Schreien war nicht zu denken.
      Er presste mich mit seinem Körper hart gegen die Wand. Der Geruch seines Aftershaves stieg mir in die Nase. Ich hörte das Knirschen seiner Lederjacke, als er sich nach vorne beugte und seine Lippen an mein Ohr brachte. Sein Atem kitzelte mich und er flüsterte mir raue Worte zu.
      „Wir sind noch nicht fertig.“
      Von dem Stoß war ich immer noch benommen und meine panische Angst verdammte mich zur Regungslosigkeit. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an, mein ganzer Körper versteifte sich, ob der in Aussicht gestellten Vergewaltigung, die jetzt so sicher kommen würde, wie das Amen in der Kirche am Gebetsschluss.
      Seine Hand glitt über mein Gesicht und presste sich auf meinen Mund.
      „Wenn du schreist, zerfetze ich dir deinen zuckersüßen Mund. Und ich würde es extrem bedauern, wenn du nicht mehr in der Lage wärst, so wundervolle Dinge, wie in der Bar zu erzählen.“ Fast sanft blickten seine Augen mich an.
      Ich war zu benebelt und zu ängstlich, um den Sinn seiner Worte tatsächlich zu verstehen.
      Er nahm die Hand von meinen Lippen und legte mir fürsorglich einen Arm um die Schultern. Seine Lippen drückte er oberhalb meines Ohres in mein Haar, ich hörte, wie er tief einatmete. „Welches Stockwerk?“ Langsam zog er mich in Richtung Aufzug und drückte auf den Knopf.
      Mein Schädel brummte. Wie spät war es, wie hoch die Wahrscheinlichkeit, dass wir im Aufzug jemandem begegnen würden? Sollte ich wirklich so viel Glück haben? Ich hätte es verdient, der Tag hatte beschissen angefangen und war im weiteren Verlauf auch nicht besser geworden. So viel Pech hatte ich sonst nicht, denn eigentlich war ich ein ziemliches Glückskind, dem die harten Schicksalsschläge im Leben erspart geblieben sind. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum mich das Gezicke mit den beiden Kolleginnen so mitnahm und fürchterlich wütend machte. Ich war es nicht gewohnt, nicht der strahlende Mittelpunkt zu sein. Gerade im Moment wünschte ich mir aber eine weniger zentrale Rolle in diesem Albtraum.
      Mit einem „Gong“ kündigte sich der Fahrstuhl an und die Türen schwangen auf. Hoffnungsvoll schaute ich in die Kabine, doch sie war leer. Enttäuscht ließ ich den Kopf hängen und wurde von meinem „Retter“ in die Kabine geschoben. Wie ein Häufchen Elend drückte ich mich in eine Ecke, um so weit wie möglich von ihm entfernt zu sein. Mein Kopf schmerzte, mein Mund fühlte sich wund an und in meinen Augen brannten Tränen der Angst und Verzweiflung.
      Ungeduldig wiederholte er seine Frage. „Welches Stockwerk?“
      Ich sah ihn an und bekam kaum einen Ton über die Lippen. Mein Mund ging auf und zu, wie bei einem Fisch, der auf dem Trockenen liegt. Sollte ich ihn anlügen, sollte ich die Wahrheit sagen? Aber was nutzte die Lügerei mir schon, ich war verängstigt und konnte mich kaum bewegen. Mir wollte keine gute Idee einfallen. In einem guten Krimi hätte ich gewusst, in welchem Stockwerk neugierige Nachbarn wohnten, die ständig durch die Spione in den Türen spähten, sobald sich die Aufzugstüren öffneten. Leider fiel mir nichts ein, mein Kopf war leer und außer Selbstmitleid und Angst empfand ich nichts. Endlich war ich in der Lage, ihm zu antworten. „Siebter Stock“. Meine Stimme war schrill und ich hörte die Angst, die aus mir sprach. Widerlich klangen diese Töne in der Enge der Aufzugskabine. Heiße Schamesröte überzog mein Gesicht.
      Hilflos sah ich zu, wie er den Knopf drückte und sich die Aufzugtüren schlossen. Der Aufzug fuhr nach oben und mein Magen versuchte, mir aus dem Hals zu hüpfen, ich fühlte mich hundeelend.
      Mit dem üblichen Ton öffneten sich die Aufzugtüren und gaben den trostlosen Blick auf einen verlassenen Flur frei. Seine Hand schloss sich wie eine Schraubzwinge um meinen Oberarm. Wir traten auf den Flur und ich wunderte mich über meinen Haustürschlüssel in seiner Hand. Ich hatte nicht bemerkt, wie er ihn mir aus den Fingern gewunden hatte, oder hatte er ihn aus dem Türschloss gezogen? So sehr ich mir auch das Hirn zermarterte, ich konnte mich nur an die riesige Hand erinnern, die sich auf mein Gesicht presste und gegen die Wand stieß.
      Zielsicher steuerte er auf die Nummer sieben zu und schloss auf. Er stieß mich hinein und das Zuschlagen der Tür klang endgültig in meinen Ohren.
      Die Luft drang abgestanden und stickig in meine Lungen, in meinen Kopf rauschte das Blut, kalter Schweiß lag auf meiner Haut. Ich musste was tun. Waffen, ich brauchte eine Waffe. In der Küche waren Messer oder vielleicht eine der Weinflaschen aus dem Weinregal im Wohnzimmer. Hektisch blickte ich mich in der Dunkelheit um und schloss geblendet die Augen, als er das Licht einschaltete.
      *Versuch es erst gar nicht.“ Hörte ich ihn dicht hinter mir knurren. „Ich prügele dir den Verstand aus dem Leib, wenn du irgendwelche Tricks versuchst.“
      Gelassen schritt er an mir vorbei und sah sich um. „Eine gute Hausfrau scheinst du nicht zu sein.“ Angewidert betrachtete er die dünne Staubschicht auf meiner schwarzen Klavierlackkommode.
      „Ich hab halt andere Qualitäten.“ Spuckte ich ihm entgegen.
      „Ohne Zweifel, du bist ganz schön kreativ.“ Ein diabolisches Grinsen umspielte seine Lippen und der fiebrige Glanz in seinen Augen ließ mich vor Angst zittern. Der Typ war irre, verrückt, ein Psychopath. Mit hängenden Schultern stand ich da und verfluchte mich innerlich für meine Bewegungsunfähigkeit. Er deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Küche. „Los, wir müssen was zusammen packen. Hast du einen großen Koffer oder was ähnliches?“
      Mit schlurfenden Schritten ging ich in die Küche und zermarterte mir das Hirn, was er zum Teufel aus meiner Wohnung mitnehmen wollte.
      Ungläubig sah ich zu, wie er zwei Töpfe auf den Herd stellte. Himmel, sollte ich etwa für ihn kochen?
      Er musste mir am Gesicht ansehen, dass ich überhaupt nicht einschätzen konnte, was hier gerade ablief. Sein Grinsen nahm diabolische Züge an. „Wo ist deine Hausapotheke?“
      Ganz tief in meinem Hirn nahm ein Gedanke Gestalt an. Meine Augen weiteten sich in namenlosem Entsetzen, ich taumelte gegen die Küchenwand zurück, meine Beine ließen mich im Stich und wie ein Häufchen Elend rutschte ich wimmernd zu Boden und schlang die Arme um meine Knie.
      Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


      Offline nemesis

      • In der Vergangenheit lebender
      • Die Großen Alten
        • Videosaurier
          • Show only replies by nemesis
        Schreib weiter. Du könntest Einkaufszettel schreiben, und die wären um Welten besser als Laymon... :D

        Einfach den Kopf frei machen und schauen, in welche Richtung der Tanz geht...überrasch dich/uns.  ;)






        P.S.: Das mit Laymon war zwar als Kompliment gedacht, aber wenn ich so drüber nachdenke...könnte man auch einem leprakranken Yak ein eitriges Geschwür aufstechen und es auf Papier suppen lassen, selbst das wäre besser...

        *duckundweg*


        Offline Havoc

        • Bürohengst sucht Paragraphenreiterin
        • Die Großen Alten
          • Let me show you its features, hehehe!
            • Show only replies by Havoc
          P.S.: Das mit Laymon war zwar als Kompliment gedacht, aber wenn ich so drüber nachdenke...könnte man auch einem leprakranken Yak ein eitriges Geschwür aufstechen und es auf Papier suppen lassen, selbst das wäre besser...
          Zumindest wäre der weitere Verlauf der Geschichte nicht so vorhersehbar wie bei Laymon.  :D  :lol: (pimpern,töten,pimpern,töten,töten,töten,pimpern,töten beim pimpern,töten,....)

          @Stubs
          Schreib weiter. Liest sich sehr interessant bisher.
          Du hast da wirklich Talent. :biggrin:
          “When I ride my bike I feel free and happy and strong.  I’m liberated from the usual nonsense of day to day life.  Solid, dependable, silent, my bike is my horse, my fighter jet, my island, my friend.  Together we will conquer that hill and thereafter the world”


          Offline Stubs

          • "Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen"
          • Die Großen Alten
            • Ich bin verhaltensoriginell und emotionsflexibel
              • Show only replies by Stubs
            Wat ihr immer mit dem armen Laymon habt. *kopfschüttel*

            Gut, dann mach ich weiter ... töten, pimpern, töten, pimpern ... *grins* .... mal schauen. Ich muss noch ne Sache zu Rubiment recherchieren, dann geht's weiter.  8)

            Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


            Offline Bloodsurfer

            • diagonally parked in a parallel universe...
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              • Pfälzer mit saarländischem Migrationshintergrund
                • Show only replies by Bloodsurfer

              Offline Stubs

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              • Die Großen Alten
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                 :kuss:  :love:  :thx:

                Bloddy, für dich ... die übernächste Story, von Seite 1 an.  :D
                Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


                Offline Bloodsurfer

                • diagonally parked in a parallel universe...
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                  :love: :D

                  Diese Story ist schon mal sehr interessant, aber grad im spannendsten Moment hörst du auf :bawling: Weiter so, wie immer kann ich die Fortsetzung kaum erwarten :)


                  Offline Thomas Covenant

                  • Die Großen Alten
                      • Show only replies by Thomas Covenant
                    A new thriller from the female Frightener- Stubs writes like Ketchum on Steroids - THE NEW YORKER

                    Wirklich gut.....erwarte eine richtig versaute Fortsetzung  :D


                    Offline Stubs

                    • "Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen"
                    • Die Großen Alten
                      • Ich bin verhaltensoriginell und emotionsflexibel
                        • Show only replies by Stubs
                      On Steroids????  :confused:
                      Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


                      Offline Thomas Covenant

                      • Die Großen Alten
                          • Show only replies by Thomas Covenant
                        .....na ja on viagra hätte gar nicht gepasst  :P


                        Offline Stubs

                        • "Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen"
                        • Die Großen Alten
                          • Ich bin verhaltensoriginell und emotionsflexibel
                            • Show only replies by Stubs
                          Ich will das hier nicht vertiefen, aber das geht doch! Du musst nur in die richtige Richtung denken.  8)
                          Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


                          Offline Necronomicon

                          • Moderator
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                              • Show only replies by Necronomicon
                            Ich habs mir ausgedruckt, heute ist wieder zu viel los hier im Büro  ;)

                            Können wir aber mal diese Laymon-Disserei hier sein lassen ?  :twisted:  :P


                            Offline Stubs

                            • "Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen"
                            • Die Großen Alten
                              • Ich bin verhaltensoriginell und emotionsflexibel
                                • Show only replies by Stubs
                              @Necro
                              Weißte Hase, bevor du über die Laymon-Disserei nörgelst, schauste mal lieber in deiner Schublade, ob du mir nicht noch was schuldig bist.  :whistle:
                              Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


                              Offline nemesis

                              • In der Vergangenheit lebender
                              • Die Großen Alten
                                • Videosaurier
                                  • Show only replies by nemesis


                                Können wir aber mal diese Laymon-Disserei hier sein lassen ?  :twisted:  :P
                                Nö... :D


                                Na gut, wenn du dich dann besser fühlst...ich werd's versuchen...



                                ...aber ich kann nichts garantieren... ;)


                                Offline der Dude

                                • Die Großen Alten
                                    • Show only replies by der Dude
                                  So, dann mach ich mich auch grad mal an die Arbeit :D Nen neuer Stubs-Original war ja schon lange überfällig :D


                                  Offline Stubs

                                  • "Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen"
                                  • Die Großen Alten
                                    • Ich bin verhaltensoriginell und emotionsflexibel
                                      • Show only replies by Stubs
                                    Genau, wie noch ausstehende Rezis von gewissen Leuten.  :twisted:
                                    Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!


                                    Offline der Dude

                                    • Die Großen Alten
                                        • Show only replies by der Dude
                                      Ich wusste, dass das kommt, wollte es aber net noch provozieren... was mir nur mässig gelang :D Im Grunde hatte ich dir aber schon alles wichtige geschrieben zu. Beim genauer Durchlesen meiner Satz-für-Satz-Analyse ist mir eh aufgefallen, dass ich da versuche was einzubringen, was da net reingehört ;)

                                      Zu diesem schreib erst was, wenns fertig ist ;)
                                      « Letzte Änderung: 03. Juni 2008, 01:34:14 von der Dude »


                                      Offline Stubs

                                      • "Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen"
                                      • Die Großen Alten
                                        • Ich bin verhaltensoriginell und emotionsflexibel
                                          • Show only replies by Stubs
                                        OK, ich geb Gas. :roll:
                                        Liebe Fee! Ich wünsche mir ein dickes Bankkonto und eine schlanke Figur. Aber bitte, bitte ... vertu dich nicht schon wieder!